Orgelmatinee um Zwölf

Orgelmatinee-2017

Zur Geschichte der Orgelmatinee um Zwölf

„Eine Orgelmatinee vor Zwölf veranstaltet das Kulturamt ab sofort jeden Sonntag in der Kirche Maria de Victoria. In der Zeit vom 3. Juni bis 16. September spielen Organisten aus Ingolstadt und der Region von 11.45 bis 12.00 Uhr barocke Werke. Besucher können auf diese Weise, so das Kulturamt, die Asamkirche als ‚Gesamtkunstwerk von Raum und Musik‘ erleben. Die Matineen bieten den Nachwuchskünstlern Gelegenheit, sich vorzustellen. Dafür erhalten die Organisten je 50 Mark. Einige Termine sind noch frei. Auskunft erteilt das Kulturamt.“ stand am 31. Mai 1990 im Ingolstädter Anzeiger zu lesen. Für die Reihe gab noch kein Gesamtprogramm, bei jedem Konzert wurde ein vervielfältigter Zettel mit den gespielten Werken aufgelegt. Zu den Organisten der ‚ersten Stunde‘ zählten unter anderen Nicola Mayr, Christian Ledl, Christoph Hämmerl, Barbara Schmid, Sabine Eickelmann, Melanie Kutschera, Jörg Spaude, Matthias Hanke, Thomas Rothfuß, Oliver Scheffels, Andrea Ausfelder, Silvia Zaijcek und Ilse Wende.

Vier Jahre zuvor, 1986, hatte Georg Jann eine neue Orgel in das alte König-Gehäuse gebaut und damit die qualitätvolle instrumentale Grundlage für liturgische und konzertante Darbietungen geschaffen. Für die Finanzierung hatte Wolfgang R. Habbel, der damalige Audi-Chef gesorgt, in Zusammenwirken mit Peter Schnell, dem damaligen Oberbürgermeister.

Die Kurz-Konzert-Initiative ging von einem pädagogischen Gedanken aus: Meinen damals zahlreichen Orgelschülern wollte ich eine Gelegenheit geben, vor Publikum einige Werke vorzutragen – was den Eifer im Unterricht merklich intensivierte. Dazu kam das Anliegen, die damals im Dornröschenschlaf liegende Asamkirche kulturell zu beleben, auch in Zusammenwirken mit den allmählich aufkeimenden touristischen Aktivitäten der Stadt. Schließlich wollte ich die vielfältigen Facetten der Orgelliteratur für Ingolstadt erschließen. Dr. Siegfried Hofmann, der damalige Kulturreferent, gab dem von mir geschilderten Projekt gerne seinen Segen und steuerte 1991 im Vorwort grundlegende Gedanken bei: „Diese Matineen werden zu einem den ganzen Sommer durchziehenden Fest zu Ehren Gottes und zur Freude für Musiker und Zuhörer. Ein Gesamtkunstwerk des Barocks von höchstem Rang wird wieder wie vor mehr als 200 Jahren zum Klingen kommen.“

Auch Dr. Gerd Treffer, Leiter der Pressestelle, erkannte früh das Potential der Idee; er förderte die Matinee ideell und auch finanziell, indem er 1991 bei den Druckkosten eines Gesamtprogramms half. Die organisatorische Betreuung übernahmen zunächst gute Freunde. Freilich, dass bereits nach wenigen Jahren aus den anfänglich etwa zwei Dutzend Zuhörern eine stattliche, die Kirchenbänke füllende Kultur-Gemeinde werden sollte, hatte wohl kaum jemand vorausgesehen.

Die Matinee begann zunächst um 11.45 Uhr, um die Mittagspause des Aufsichtspersonals nicht zu gefährden, und dauerte etwa eine Viertelstunde. Ab 1994 wurde sie auf Initiative das damaligen Münsterpfarrers Isidor Vollnhals, der einen sinnvollen Anschluss zur 11.15 Uhr-Messe im Liebfrauenmünster anregte, auf 12 Uhr, die Mitte des Tages, festgelegt. Die Länge der einzelnen Konzerte war mittlerweile auf etwa eine halbe Stunde erweitert.

1991 kamen Musiker des Georgischen Kammerorchesters aus Tiflis nach Ingolstadt. Was lag näher, als auch dieses Ensemble in die Reihe einzubinden, zum Mozart-Jahr mit einem Zyklus aller Kirchensonaten, ebenfalls mit Werken des Ingolstädter Organisten Franz Stickl und von Eichstätter Hofmusikern. Werke für Orgel und Orchester bildeten von Anfang an einen roten Faden, der sich durch die Jahresprogramme zog. 1992 standen sämtliche Orgelkonzerte von Georg Friedrich Händel auf dem Programm, 1994 und 1999 diejenigen von Händels Kollegen Thomas Arne. Weiter erklangen alle einschlägigen Konzerte von Antonio Vivaldi, Michel Corrette (op. 26, 1996), Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Christian Bach (op. 13, 2007) Giuseppe Sammartini, Ferdinando Pellegrino (2001), Johann Michael Haydn, Gregor Joseph Werner, Joseph Gabriel Rheinberger oder Pietro Domenico Paradies. 1992 gab es erstmals eine Matinee mit dem Titel Die heitere Orgel. Dazu wurde das Bibliotheks-Repertoire nach geeigneten, oft kaum bekannten Werken durchforstet. Die heitere Orgel erfreut sich bis heute einer besonderen Beliebtheit.

Auch Musikverlage interessierten sich für die Produktionen: Alle acht für die Matinee aufbereiteten Konzerte des „böhmischen Mozart“ Franz Xaver Brixi erschienen mittlerweile als Gesamtausgabe im Druck.

Ebenfalls ein wichtiges Datum: Am 21. Juni 1998 wurde von Lars Ulrik Mortensen, damals Professor für Cembalo an der Musikhochschule München, ein neues wertvolles Cembalo im flämischen Stil eingeweiht, das der berühmte Willem Kroesbergen in Utrecht nach einer mehrjährigen Wartezeit fertiggestellt hatte. Damit können Matineen nicht nur auf der Orgelempore, sondern auch, mit Generalbass-Instrument, im Chorraum stattfinden.
Freundschaftliche Kontakte zum Künstlerehepaar Bärbel und Michel Schölß führten 1993 zur Idee, das Heft mit Abbildungen zu schmücken, denen jeweils ein an der Musik orientiertes Thema zugrundeliegt. Mit fortschreitender Drucktechnik und den sinkenden Preisen gewann das Heft zunehmend an Farbe.
Eigentlich wollten wir ein 25-jähriges Jubiläum ankündigen. Allein, die Zeit eilt: Beim genauen Nachzählen befinden wir uns 2015 bereits im 26. Matinee-Jahr, das avisierte Jubiläum liegt hinter uns. Dennoch: Danken wir allen Interpreten, die der Reihe zu ihrem Erfolg verholfen haben, ebenfalls all denen, die den Konzertzyklus fördern und unterstützen. Feiern wir, auch im 26. Jahr, die Institution Orgelmatinee um Zwölf, und wünschen, dass sie lebe und wachse.

Franz Hauk

Veranstalter: Stadt Ingolstadt, Kulturamt
www.orgelmatinee.de